Sonntag, 4. August 2013

Spottbillig - und der Herstellungsprozess ist unwichtig

Vorweg: Dieser Eintrag mag vom Inhalt her etwas anderer Art sein, da er sich nicht direkt (wie die meisten anderen Kommentare) auf einen aktuellen Vorfall bezieht, dennoch ist das Thema meines Erachtens nach eines, welches noch intensiver in den Fokus rücken sollte.


Konsumieren. Das ist es, was wir tagtäglich tun, besonders in Hinblick auf Ware. Was wir nicht haben, das wollen die meisten von uns schlichtweg. "Shopping" ist schon im 19. Jahrhundert zur Freizeitbeschäftigung geworden - es wurde in Hinblick auf Kleidung nicht mehr nur das gekauft, was eigentlich dringend benötigt wurde - und große Einkauszentren, sowie Bekleidungsketten schießen heutzutage wie Unkraut aus dem Erdboden. Eine dieser Ketten ist Primark. Das Motto: Extrem niedrige Preise. Ist nicht genau das, was wir alle wollen? Einkaufen gehen auf die "günstige" Art und Weise? Sachen, besonders Kleidung, zu einem Spottpreis kaufen? Je mehr wir für wenig Geld bekommen, umso besser. Aber hier ist der eigentlich wichtige Punkt: Kritisches Denken. Wie viele Menschen denken wirklich darüber nach, was eigentlich hinter dem Produkt, welches sie soeben gekauft haben, steckt? Viele Konsumenten befinden sich in einem Kaufrausch, welcher die Sicht vernebelt und das Weiterdenken unmöglich macht. Günstig, nein billig, muss es sein. 

Genau das ist das Problem besonders in der westlichen Gesellschaft. Die Welt wächst im Zuge der Globalisierung immer mehr zusammen, aber nur die Minderheit der Länder - oder auch Menschen - profitiert davon. Was die Bekleidungsindustrie betrifft, so sind diejenigen, welche Profit rausschlagen, meistens große Ketten, welche stores in den verschiedensten Ländern eröffnet haben - oder es weiter tun - und deren Popularität rapide in die Höhe geschossen ist. Hier wären wir wieder bei dem Beispiel Primark. Trendige Kleidung für unfassbar wenig Geld - der Geldbeutel muss wirklich nicht schwer sein, um sich hier ein super hippes T-Shirt leisten zu können. "Super", schreien viele und stürmen los. Große, prall gefüllte Einkaufstüten mit Primark-Aufdruck sieht man so gut wie in jeder großen Stadt. Die stores sind immer gut besucht, aber "fürs Auge" sind diese sicher nichts. Hosen, Pullover, Tops - das ganze Sammelsorium liegt unordentlich, teils schmuddelig, im Laden herum. Was für ein schönes Kauferlebnis. Hosen für sieben Euro, ein Top für 2? Und immer tiefer muss der Preis sinken. Wer da einmal seinen Kopf einschaltet, der sollte sich schnell fragen: "Wie um alles in der Welt sieht es bloß im Bereich Produktion aus, wenn so billig verkauft werden und trotzdem Gewinn rausgeschlagen werden kann?"

Den Produktionsprozess in Frage zu stellen, genau das ist der wichtigste Punkt. Wie können Arbeitsbedingungen fair sein, wenn das Endprodukt zu einem Spottpreis, weniger noch, zu ergattern ist? Die Kleidungsstücke müssen von jemandem angefertigt werden und dieser Jemand macht seinen Job, was zwangsläufig die Frage der Bezahlung aufkommen lässt. 30 Cent für einen 8-Stunden-Tag (Beispiel China)? Die Frage der Unmenschlichkeit stellt sich gar nicht erst, denn dies ist ganz offensichtlich noch eine Stufe weiter darunter. Ausbeutung - das Wort ist vielleicht sogar noch zu schwach. Laufen die Menschen, die großen Manager, welche nur den Gewinn sehen, wirklich mit solch großen Scheuklappen durch ihr Businessleben? 

Es sind mit Sicherheit noch längst nicht genug Menschen, welche einen Blick hinter die Fassade "schöner" (auch das überlasse ich der Definition jedes Einzelnen) Kleidung wirft und sich ernsthaft fragt, wo etwas herkommt und wie es produziert wurde. Sicherlich darf auch hier nicht nur die Herstellung von Kleidungsstücken betrachtet werden, sondern der Produktionsprozess von Konsumgütern im Allgemeinen sollte wesentlich öfter durchleuchtet werden. Doch bleiben wir einmal bei Bekleidung und somit beim Beispiel Primark. Die Menschen, welche am Herstellungsprozess beteiligt sind, deren Arbeitsbedingungen und somit notwendigerweise auch ihre Bezahlung müssen fair und menschlich sein. Wer arbeitet, der sollte - natürlich in Hinblick auf die Bedingungen und Lebensweise im Land - seinen Lebensunterhalt von dem, was er oder sie verdient, finanzieren können. Ist dies zu viel verlangt?

Es sollte aktiver darüber nachgedacht werden, wo Ware eigentlich herkommt. Natürlich wird "shopping" eine Freizeitbeschäftigung bleiben und deshalb informiert sich niemand vorher darüber, was ein gewünschtes Produkt für einen Produktionsweg durchlaufen hat, aber je mehr Menschen bewusst wird, dass - und es soll nicht pauschalisiert werden - Arbeitsbedingungen derjenigen, welche in anderen Ländern für westliche Unternehmen/ Bekleidungshäuser Ware produzieren, teilweise unmenschlich sein kann, desto schneller ändert sich etwas. Viele "hohe Tiere" achten bereits intensiver darauf, dass auch der Prozess der Herstellung fair abläuft, aber viele tun es eben noch nicht. Bevor ein "Billigladen" betreten wird soll lediglich einmal darüber nachgedacht werden, ob dieses extrem günstige Shirt es wirklich wert ist, gekauft zu werden.

Dies alles hat etwas zu tun mit Moral, mit Verantwortung - wer will das ganze negative Gewicht mit sich tragen? 

Und während die Welt näher zusammenrückt werden Menschen auch zunehmend verantwortlich füreinander, direkt oder indirekt (Letzteres ist meistens der Fall). Aber viele werden wohl weiter die Billigstores stürmen. Vielleicht denken sie in einer ruhigen Minute einmal über die Arbeiter_innen nach, wie sie in ihrem stickigen, schlecht gelüfteten Fabrikgebäude mit wenig Tageslicht und mehr als mangelnden Sicherheitsvorkehrungen sitzen...




2 Kommentare:

  1. Im Grundsätzlichen hast Du recht. Jeder Konsument sollte bei seiner Kaufentscheidung überprüfen, ob Preis und Leistung ethisch miteinander vereinbar sind. Gerade im Bekleidungsbereich müsste vielen Bürgern klar sein, dass von den 9,99 EUR, die man teilweise für einen Pullover bezahlt, nicht mehr viel für die Fabrikarbeiter übrig bleibt, nachdem die Gewinne für den Fabrikanten, den Großhandel und den Einzelhandel sowie die Transportkosten abgezogen wurden.

    Doch auch wenn dieser Welthandel der Billigprodukte und die damit verbundenen Arbeitsbedingungen fragwürdig erscheinen, so sind sie doch die große Chance für die Entwicklungsländer dieser Welt. Betrachten wir beispielsweise China. Noch Anfang der 60er Jahre starben in diesem Land rund 45 000 000 Menschen an einer Hungersnot. 50 Jahre später befindet sich dasselbe Land auf dem Weg zur Weltspitze der Bruttoinlandsprodukte. Dieser Aufschwung unbekannten Ausmaßes wäre ohne die Niedrig-Lohn-Produktion niemals möglich gewesen.

    In diesem Zusammenhang zeigt sich ferner, dass eben diese Billig-Produktion immer nur ein Teilstück im Transformationsprozess von aufstrebenden Volkswirtschaften darstellt. Die Lebensbedingungen in China verbessern sich stetig. In den letzten Jahren stiegen alleine die Löhne jährlich um rund 20%. Die neu entstehende Mittelschicht im Osten des Landes stellt Ansprüche, die der KP noch vor 20 Jahren völlig unbekannt waren. Ein Gleichgewicht zwischen Arbeitszeit und Freizeit, die Qualität von Lebensmitteln und Umweltschutz werden zusehends wichtiger. Noch kann die Billigproduktion gen Westchina ziehen. Doch auch hier wird zeitverzögert eine identische Entwicklung einsetzen.

    Wie die Medaille, so hat auch der Welthandel zwei Seiten. In Bangladesh zeigt er sich momentan von seiner schlimmsten Seite. Aber trotz alledem, ist der weltweite und freie Handel die beste Form der Entwicklungshilfe für diese Welt. Auch in Bangladesh werden sich die Zeiten ändern. Vielleicht schneller und umfangreicher, als es die Mehrheit der Globalisierungskritiker denkt.

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  2. So bleibt also zu hoffen, dass die Globalisierungskritiker bald von Gegenteiligem überzeugt werden.

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