Es muss wohl nicht darüber gestritten werden, ob die Situation für die syrische Zivilbevölkerung eine dramatische ist oder nicht. Was in dem Land seit Ausbruch der Protestwelle 2011 geschieht - und vor allen Dingen zu was die Lage geworden ist, nämlich einem innerstaatlichen Krieg -, das kann sich kaum einer vorstellen, der nicht direkt beteiligt ist. Von Medien mit Bildern, welche Blut, Gewalt und Tot zeigen, überschüttet - die Reizüberflutung hat ihren Lauf genommen.
Und wenn man denkt, es kann doch gar nicht mehr schlimmer werden, dann prasseln neue Schlagzeilen auf einen ein, über einen Giftgasanschlag des Diktators Bashar al-Assad gegen seine eigene Bevölkerung - seien diese Menschen nun seine Gegener oder auch Befürworter. Er ist das Staatsoberhaupt. In der Theorie ist er verantwortlich für das Wohl seines Landes, der dort lebenden Menschen. In der Theorie. Aber dass diese schnell einmal von der Praxis abweichen kann, das wurde nun mehrmals demonstriert und nicht nur von Syrien, um den Blick über den Tellerrant zu werfen.
Chemiewaffen. Giftgas. Welche Ausmaße kann das Ringen um die Macht annehmen? Eben diese. Anders als in Ägypten, kurz vor dem Fall Hosni Mubaraks, hat sich gezeigt, dass sich der Großteil der Menschen gegen den bis dato drei Jahrzehnte regierenden "Pharaoh" gestellt hat; die ihn unterstützende Minderheit konnte sich nicht durchsetzen.
Anders ist dies im vergleichsweise kleinen Land Syrien. Hier kommt - die Lage erschwerend - hinzu, dass es viele religöse Gruppen gibt. Ironischerweise hat sich mit der Familie Assad seit Beginn der 1970er Jahre die religiöse Minderheit der Alawiten durchgesetzt. Neben den Schiiten und Sunniten existieren noch weitere Gruppierungen. Durch die Proteste gegen den Diktator nahmen auch die religiösen Spannungen zu. Die Minderheit hat sich an die Spitze abgesetzt. Es ist nicht nur ein Krieg zwischen Staat und Bevölkerung, sondern auf gesellschaftlicher Ebene einer zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Wer behält den Überblick in diesem Chaos?
Die USA haben ihre Pferde gesattelt; der militärische Alleingag scheint zu nahen. Aber ohne UN-Mandat? An dieser Stelle kommen besonders Fragen ethischer und normativer Form auf. Was würde ein Militärschlag bezwecken? Wäre nicht wieder die Zivilbevölkerung der Träger aller negativen Konsequenzen? Im Fachjargon wird mit "Kollateralschäden" argumentiert, "Schäden", welche sich nicht vermeiden lassen, mit denen gerechnet werden muss. Aber führe solch ein Eingriff in Syrien wirklich zu mehr Ruhe und Ordnung, also zu weniger Opfern und einem Ende der Gewalt? Das wage ich stark zu bezweifeln. Hier kann nur auf Einsicht von oben - die dann wohl relativ spät kommt, wenn überhaupt - gehofft werden. Ansonsten ist auch eine militärische Intervention nutzlos.
Assad will eingewilligt und seine Chemiewaffen zur Kontrolle freigegeben haben. Im selben Zuge dementiert er allerdings einen Einsatz gegen sein Volk am 21. August, wie es ihm die USA vorwerfen. Ein Schritt zur Einsicht? Oder doch pure Berechnung, um seine Souveränität teilweise zu behalten und einen internationalen Eingriff gekonnt abzuwenden?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Kommentare sind erwünscht - konstruktiv und sachlich dürfen sie sein. Bei positiven Bemerkungen darf den Gefühlen aber auch gern einmal guten Gewissens freien Lauf gelassen werden.