Ja, es ist eingetreten. Schneller als erwartet. Vor zwei Tagen haben Massenproteste wieder einmal das schier Unmögliche Realität werden lassen: die Entmachtung Mohammed Mursis.
Die Meinungen darüber, ob dieser Fall wirklich in naher Zukunft eintreten wird, divergierten - und plötzllich stand Mursi nicht mehr an der ägyptischen Staatsspitze. Überrascht aus der Wäsche schauen, das taten bei Erhalt der Nachricht wohl viele, natürlich über ägyptische Staatsgrenzen hinaus. Und nun?
Platt gesagt: Ägypten durchläuft ein Déjà-vu; ein zweites Mal innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren erleben die Bürgerinnen und Bürger einen Machthabersturz, den viele von ihnen zudem noch selbst unterstützt haben. Und wieder einmal war die Freude groß. Doch getrübt wurde diese durch das gewalttätigen Zusammentreffen Unterstützer Mursis - und somit auch Anhängern der Muslimbrüder -, sowie den Gegnern des doch eigentlich nur mit knapp 27 Prozent Wahlbeteiligung ins Amt beförderten (Ex-)Präsidenten. Ja, und wie es auch schon im Zuge der ersten großen Protestbewegung der Fall gewesen ist: das Militär stellt sich wieder ganz nach vorn, sieht sich als "Vorantreiber" demokratischer Reformen im Land. Ob es diesmal ein wenig einsichtiger sein wird? Fakt ist, dass das Militär, welches schon vor zwei Jahren die Übergangsregierung spielte, die Zügel in seinem Sinne fester zog und plötzlich - so dienten Panzer doch noch als Schutzschild für die auf dem "Platz der Befreiung" demonstrierenden Zivilbevölkerung - sein Verhalten in Hinblick auf die Aktivisten veränderte. Zu viel Privilegien hatte man in den letzten Jahrzehnten genossen, diese sollten natürlich nicht einfach mit der Veränderung von Machtsstrukturen abgegeben werden. Aber Mursi wurde streng genommen demokratisch gewählt - eine neue Wahl in drei Jahren hätte frühestens entscheiden können. Hätte. Die Situation sieht anders aus. Aber rein rechtlich...?!
Wo noch die Hoffnung bestand, die Ägypterinnen und Ägypter würden auf einem guten (das ist sicherlich auch Definitionssache) Weg sein, wurde nun die Situation gekippt. Aber das soll ja nicht bedeuten, dass vom guten Wege abgekommen wurde. Oder?
Neue Runde - neues Glück? Vielleicht kann das so gesehen werden. Aber Glück für wen? Die Ansichten gehen in diesem Punkt mit Sicherheit auseinander. Die Muslimbrüder sind stinksauer, was aus Mursi wird, das zeigt sich noch. Vielleicht sind nun die Mursigegner an der Reihe? Vielleicht sieht aber auch das Militär wieder eine Chance, seine Macht unter dem Deckmanter demokratischer Reformen auszuweiten...?
Fragen über Fragen, die sich erst in den kommenden Wochen, Monaten ansatzweise beantworten lassen werden.
Ruhe gibt es in Ägypten also vorerst nicht. Die Revolution sollte es vor zweieinhalb Jahren sein, sie sollte nicht aufhören, sondern so lange vorangetrieben werden, bis das Ziel der nach Freiheit strebenden Bevölkerung, die am 25. Januar aus dem virtuellen Raum heraustrat, um auf dem Tahrir Platz ihren Unmut zu zeigen, erreicht ist. Der Weg ist nun wieder ein wenig freier. Doch Einigkeit herrscht nicht. Welche dramatischen Auswirkungen mag das noch alles mit sich ziehen? In die Zukunft schauen, das möchte man nun gern.
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