Mittwoch, 17. Juli 2013

Notwehr - Euphemisierung von Tötung

Dass die USA in puncto Gewaltanwendung, Waffenbesitz und somit auch Notwehr das ein oder andere Mal kritisiert werden, das ist nichts Neues. Aber jedes Mal, wenn es wieder zu einem dramatischen Zwischenfall kommt, dann entflammt im Land selbst die Debatte darüber, ob das denn alles so richtig ist, von der Gesetzeslage und eben generell dem Recht, "einfach mal so" Gewalt anzuwenden. "Stand Your Ground" - es hört sich doch recht mutig an. Courage zeigen und sich selbst verteidigen. Aber nun die kritische Frage, worüber sich Menschen buchstäblich die Köpfe zerbrechen: Wo genau beginnt Notwehr, wo hört diese auf?

Nicht in allen US-amerikanischen Staaten wird das mit dem "auf seinen Gegenüber schießen und das im äußersten Notfall" (man denke hier wieder an die Definition der Situation) so ernst genommen, soll heißen, das Selbstverteidigungsrecht, welches unter Umständen bis zum Zücken der Waffe ausgereizt werden kann, gilt nicht in allen Staaten. Gut so, um das mal an dieser Stelle zu unterstreichen. Natürlich musste es erst wieder zu einer schrecklichen Tat kommen; der jüngste Fall - von 2012 aber wieder im Zentrum der Debatte - ist Trayvon Martin. Und plötzlich steht dieses umstrittene Gesetz wieder im Mittelpunkt. Es ist wie die Sache mit dem freien Waffenverkauf - es muss erst wieder jemand Amok laufen und zahlreiche Menschen - Unschuldige - getötet haben, bis wenigstens die Woche danach einmal etwas kritischer gedacht und die Diskussion über "richtig" und "falsch" angeheizt wird - bis diese dann aber wieder im Sande verläuft.

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Zurück aber zum momentanen "focal point": Notwehr ist das eine, nicht nachdenken und seine Tat plötzlich im Nachhinein als notwendige Selbstverteidigung auslegen, das ist die andere Sache. Das Recht, sich bis zum Letzten verteidigen zu können, das schürt doch eher Gewaltdelikte und unnötige Brutalität. Logisch, denn man kann sich immer hinter dem Deckmantel des "ich-habe-mich-bedroht-gefühlt" verstecken. Ein Leichtes. Der Freispruch ist garantiert. Aber so sollte und darf es doch nicht weitergehen. Der junge Trayvon Martin war unbewaffnet, wurde aber dennoch in Florida von George Zimmerman im Jahre 2012 erschossen. Aus Notwehr, versteht sich.

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Nach knapp anderthalb Jahren verlässt Zimmerman den Gerichtssaal. Er ist frei und vom Richter als nicht schuldig befunden worden. Empörung, Wut und Enttäuschung machen sich breit.

Hat überhaupt einmal jemand an eine rassistisch motivierte Tat gedacht, welche unter dem Wort "Notwehr" nur euphemisiert wurde? Manche sprechen davon, aber so richtig öffentlich ist dieses Thema nicht. Aber Anhänger der Familie des getöteten Jungen Trayvon sind sich sicher: mit Notwehr hat das nichts zu tun. Die Tat hatte einen anderen Hintergrund. 

http://www.welt.de/img/vermischtes/crop118025521/1110717156-ci3x2l-w580-aoriginal-h386-l0/George-Zimmerman-Found-Not-Guilty-In-Death-Of-Trayvon-Martin.jpg
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Noch immer scheinen Herkunft und Aussehen eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Gesellschaft zu spielen. Es sollte egal sein, welcher ethnischer Herkunft man ist, aber viele scheinen das nicht zu verstehen. Pauschalisieren kann man das alles nicht, deswegen ja auch nur "einige." Wir leben im 21. Jahrhundert. Jeder sollte mittlerweile einmal über die Geschichte reflektiert und eingesehen haben, dass es völlig unbedeutend ist, wie jemand aussieht. Gleich behandelt werden sollte jeder. Aber so persönlich meine Beziehung zu den USA auch sein mag: selbst dieses Land lernt nicht aus, das Land, welches gekennzeichnet ist von Diversität in jeglicher Hinsicht. Warum ist ein "Zusammenleben" gerade dann so furchtbar schwierig und warum ist in den Köpfen so mancher Menschen noch immer rassistisches Ideengut verankert?

So wäre es doch viel einfacher:

http://www.kleiner-kalender.de/images/teaser/tag-gegen-rassismus.jpg
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Nun bleibt abschließend zu hoffen, dass wirklich einmal aus Grausamkeit gelernt wurde und dieses schwammige "Notwehrgesetz" gestrichen wird. Aber bis dahin vergeht mit Sicherheit noch einige Zeit. Darf man optimistisch sein?

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